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09.09.2018
850 words — 4 mins

Meine Begegnung mit der Magic Leap

Ich wurde vergangene Woche von Holo-Light eingeladen, einmal eines ihrer Magic Leap One Testgeräte auszuprobieren. Holo-Light selbst ist ein drei Jahre altes Startup, welches sich auf Mixed Reality für Industrieanwendungen spezialisiert hat. Es war also eine Einladung einmal die Zukunft zu sehen.

Und um ehrlich zu sein: Die Zukunft ist… unscharf. Ich glaube es ist der Fluch jedes Brillenträgers dazu verdammt zu sein, eher verschwommen durch VR- und AR-Brillen zu sehen. Kein Designer scheint auf die Idee zu kommen unter seinen Brillen Platz für eine echte zu schaffen. Und so auch bei meiner Begegnung mit Magic Leaps erstem echten Produkt: Der Magic Leap One.

Eine der Dinge, die ich jedoch gleich zu Anfang schätzen lernte, war die Entscheidung der Designer, den Hauptprozessor extern in einem etwa Handtellergroßen Gerät unterzubringen. Angeklippt an eine Hosentasche ist dieser durch eine Nabelschnur mit der Brille verbunden und übernimmt den größten Teil der Arbeit und haust auch die Batterie der Brille. Zwar muss man so mit einem Kabel zwischen Brille und Prozessor klarkommen, aber diese Design hat den angenehmen Nebeneffekt, dass das Gewicht der Brille weitaus geringer ist als erwartet und es hält auch die Wärmeentwicklung in Grenzen. Dies war meiner Meinung nach einer der großen Probleme der Google Glass, welche ihre Batterie und Prozessor direkt hinter dem Ohr des Trägers platzierte. Die entstehende Hitze machte das Gerät oft unangenehm und schwitzig.

Magic Leap

Demos

Alles in allem trägt sich die Brille angenehm ohne zu drücken und lässt sich einfach über den Kopf streifen, bietet aber als Entwicklergerät nur wenige Demos.

Nach einem Mapping der Umgebung erlaubt mir ein Spielplatz beispielsweise Ufos, Dinosaurier und Ritter auf Schreibtischen und dem Boden zu platzieren. Ich kann Sticker in die Luft hängen und Bäume aus dem Boden wachsen lassen. Die Ästhetik ist comichaft und verspielt und erinnert eher an ein Spiel für Kinder, als eine ernstzunehmende Anwendung. (Auch wenn es zugegeben lustig ist zuzusehen, wie der Dinosaurier die Ritter auffrisst.)

Und obwohl die (etwas unscharfen) Objekte vor mit im Schatten durchaus scharf und solide wirken, werden sie schnell transparent sobald mehr Licht auf sie fällt, bzw. verschwinden im Gegenlicht komplett. Ein weiteres Problem tritt auf, sobald man versucht die Objekte aus der Nähe zu betrachten, indem man sich beispielsweise auf den Boden kniet. Denn je weniger die Brille von seiner Umgebung sehen kann, desto mehr zittern die Objekte im Raum, da das Tracking ungenauer wird.

Eine zweite Demo ähnelt mehr einer Kunstinstallation oder einem LSD-Trip. Leuchtende Pilze sprießen aus dem Boden, Fischschwärme und Alien-Quallen schweben durch die Luft, Äste wachsen aus dem Boden und leuchtende Blumen geben Melodien bei einer Berührung von sich. Es ist eine experimentelle, aber umso beeindruckendere Erfahrung. Hier kommt auch das beeindruckende Akkustiksystem der Brille zum Einsatz.

Post-Smartphone Fantasien

Im Zusammenhang mit AR-Brillen wird auch immer wieder gerne davon gesprochen, dass diese in naher Zukunft Smartphones als das dominierende Alltagsgerät ablösen könnten. Die Magic Leap One erfüllt diesen Wunsch jedoch nicht. Im Gegenteil zeigt sie gut, wie weit wir noch von dieser Vorstellung entfernt sind.

So beträgt die Akku-Laufzeit der Geräts, laut den Entwicklern bei Holo-Light, gerade einmal drei Stunden. Nicht einmal ansatzweise genügend Energie, um einen ganzen Tag durchzuhalten. Und dies ohne Stromfresser wie GPS oder eine aktive Internetverbindung aufrecht zu erhalten.

Ein weiteres Problem ist das Display. Zwar sind die Hologramme der Magic Leap durchaus beeindruckend, aber ihre Achillesferse ist Gegenlicht. Objekte verschwinden, sobald hinter ihnen eine nur normal starke Lampe leuchtet, von Sonnenlicht ganz zu schweigen. Die Idee, diese Brillen mit der heutigen Technologie also problemlos an der frischen Luft oder an einem Büro-Fensterplatz zu verwenden, dürfte fürs Erste reine Fantasie bleiben.

Was mich bei der Nutzung jedoch beeindruckte war das „Spatial Audio“-System der Brille, welche es tatsächlich schaffte eine glaubwürdige 360°-Geräuschkulisse zu erzeugen. Mehr als einmal drehte ich mich während der Demos um, um Geräusche hinter mir zu erkunden. Und das vor allem ohne Kopfhörer tragen zu müssen.

Magic Leap

↳ Cyberpunk as f\*ck

Keine Revolution, aber Evolution

Ist die Magic Leap also das nächste große Ding™? Ich glaube ehrlich nicht. Nicht zuletzt, weil die Magic Leap One als reines Heimgerät konzipiert ist. Man sollte die Brille eher als Evolutionsschritt sehen. Sie ist ein faszinierendes Gadget, welches rein auf den Konsumentenmarkt abzielt. Und wird damit wahrscheinlich der Flugbahn der Google Glass und Microsofts HoloLens folgen, welche beide ebenfalls als Konsumentenprodukt positioniert wurden, nur um ihre Nische in Industrieanwendungen zu finden. (Eine Anmerkung die Holo-Light dazu machte war jedoch, dass das eingeschränkte Sichtfeld der Brille sie für viele Industrie-Aufgaben disqualifizieren dürfte.)

Noch fehlen auch die Killer-Apps, die wirklich zum Kauf überzeugen könnten. Es dürfte jedoch spannend werden, welche nächsten Schritte Magic Leap und gerüchteweise auch Apple gehen dürfte in den nächsten Jahren. Die AR-Brillen-Revolution ist noch lange nicht hier, aber es ist klar, dass Magic Leap es zumindest versuchen wird.

Danke an dieser Stelle auch noch einmal an Iris Feuchter vom Holo-Light-Team fürs Ausprobieren lassen.